10.6.20









Vor ein paar Wochen bin ich angerufen worden, ob ich was vorlesen will, in einem Garten, auf Video. Wegen Corona, weil in echt geht ja nicht. Da hab ich mich sehr gefreut. Und jetzt könnt ihr euch die vier Lesungen von KASKA BRYLARICARDA KIELBARBARA SCHNALZGER und mir auf GEMEINSINN STÄRKEN anschauen. Ich wünsche viel Spaß dabei.


Als erstes les ich die Geschichte vom FRANZ vor, die kennt ihr ja schon, die ist schon älter, deswegen wäre dazu noch zu sagen, dass der Franz inzwischen sehr zufrieden ist mit meiner Gartengestaltung, er meint, es wär das "Paradies" bei mir. Und hier noch so als Vorspann zum zweiten Text - das war wie ich die  Ricarda das letzte mal getroffen hab, das passt irgendwie auch zum Rest:


Es ist Feiertag und alle gehen Frühstücken. Sie essen Sachen aus Etageren und Rührei. Am Nebentisch: Sie liest die Speisekarte und er die FAZ. Sie machen das offenbar schon lang, obwohl sie so jung sind. Sie hat eine ganz lange bunte Bluse an, hauptsächlich hell-lila und gelb, schaut aus wie von Pucci oder so. Und sie ist ganz dünn und wie sie vom Klo wieder zurückkommt, drückt sie sich aus einer Tube Creme auf den Handrücken. Er hängt ihren Mantel auf, er fängt ihre Finger, sie schaut gar nicht hin, vielleicht stört es sie sogar, auf jeden Fall ist es nichts Besonderes. Ich jedenfalls kann nicht wegschauen. Für mich ist das Alles. Alles. Ich mach ein Foto von denen an am meinem Tisch, daheim seh ich, sie ist auch drauf, im Hintergrund. Sie schiebt sich was in den offenen Mund, mit einer Gabel vielleicht. Es würd nix nützen wenn ich die Bluse hätt, oder mir so die Hände eincremen tät. Meinen Mantel kann ich selber aufhängern, aber ansonsten ich will Alles. Ich will Alles.




Und jetzt gehts los, so richtig:


Ich bin jeden Tag neu. Ich bin jeden Tag anders als am Tag davor. Was gestern war stimmt heut schon nicht mehr. Ich hab sehr lang in und auf alles Aceto balsamico geschüttet, oder süßen Händelmeier-Senf, das letzte Glas vertrocknet mir jetzt aber im Kühlschrank, ich kann es nicht mehr sehen. Ich ess jetzt Himbeeren. Von denen hab ich sonst immer Durchfall gekriegt. Jetzt bleiben sie drin. Heute stehn mir die Haare so komisch weg, morgen werdens das wieder tun, aber leicht anders. Ich denk mir heut was, das denk ich mir morgen schon nicht mehr. Es interessiert mich auch nicht mehr so richtig. Was neues ist gewachsen, das braucht jetzt mehr Platz. Was anderes ist vertrocknet, ich hab  das Gießen vergessen, wahrscheinlich ist es jetzt hin. Vielleicht säh ichs nochmal an. Vielleicht lass ichs auch. Da hinten schrumpelt was, da vorn treibt was wieder aus, oben hab ich jetzt ganz neue Blätter und hinten eine Knospe, ah, zwei sogar! Es ist immer irgendwie das gleiche und es ist irgendwie auch immer anders. Und nächstes Jahr gehts wieder von vorn los.


Die Schnecken haben dieses Jahr den Diptam wirklich zusammengefressen, er ist noch immer gekommen, dieses Jahr kommt er nicht. Außer der Eisenwurz hat im Beet eh nix mehr Platz, es dauert aber nicht mehr lang und sie erfriert bestimmt in einem kalten Winter, dann sieht man da wieder nur noch Erde. Ich teile die Iris, ich teile das Sedum und den Mauerpfeffer, die Nelken und die Minze. Und zwar von jedem gleich mehrere Sorten. Ich pflanze von einem Eck ins andere und wieder zurück. Ich steck überall Salbeizweigerl in den Boden. Ich stecke den ganzen Garten mit Salbei an, die Infektion schreitet rapide voran. In der Nacht grab ich auf der Verkehrsinsel noch mehr Iris aus, das macht nix, da sind so viele, die passen da gar nicht alle drauf. Sie sind klein und hellblau und jetzt werd ich ein paar Jahre warten müssen, dann blühen die auch bei mir. Bis dahin hab ich sie wahrscheinlich schon wieder vergessen. Vielleicht sind sie mir dann auch egal, ich werd es sehen. Der Apfelbaum hat letztes Jahr eine Pause gemacht, er muss sich alle zwei Jahre ein bisschen ausruhen, letztes Jahr nicht nur ein bisschen. Ich hab da Verständis. Warum der Fenchel nicht mehr kommt, das versteh ich nicht, er war so schön. Ich hätt gemeint, es hätt ihm gefallen. Jetzt kommen dann die Pfingstrosen, ich frag mich welche Farbe die haben, die haben noch nie geblüht. Die haben bis jetzt immer nur ein einziges Blatt gehabt. Der Nachbar hat über den Zaun gefragt was mit dem Blatt los ist. Ich hab ihm gesagt dass das einmal eine Pfingstrose wird, er hat das glaub ich bezweifelt. Er bezweifelt genrell alles was ich im Garten so mache. Es gibt noch andere Pfingstrosen, die sind müde, die sind alt, die wollen nicht mehr so richtig. Sie tun sich so schwer. Und jetzt müssen sie wieder durch die Pfingstrosensaison durch. Ich gieß sie zum Trost.



Ich hab auch Saisons, immer eine andere. Grad hab ich so eine Saison, da trink ich jeden Tag Baileys mit Erdbeergeschmack, ein flüssiges alkoholisches Marshmallow. Ich trinke sonst nie jeden Tag. Ich trinke sonst gar nicht. Tee halt. Ich hab mir die Flasche zwei Wochen lang bei Netto angeschaut, es war nur eine da und dann hab ich sie mir gekauft. Ich befürchte, er wirkt sich nicht direkt positiv auf die Stimmung aus. Meine Saisons, die gehen so: Ich sitz so lang in der Küche wie die Sonne da reinscheint, erst dann geh ich wieder zum Computer. Vielleicht bleib ich aber auch in der Küche sitzen, weil die hat jetzt Saison. Computer nicht, der ist dann egal.



Letztes Jahr, da war ich zum Beispiel nicht so viel im Garten, das hat mich nicht so interessiert. Mir ist nämlich was passiert, das war mir schon lang nicht mehr passiert. Ich hab da jemanden kennengelernt. So richtig gut ist es nicht gelaufen, ich hab noch nie so viel geweint. Manchmal hab ich sogar fast auf der Straße damit angefangen, die Sonne hat gescheint und ich hab ein "Mexiko Stangerl" gegessen. Warum das "Mexiko Stangerl" geheißen hat, ist mir unklar. Ich hab das mit dem Weinen aber jedenfalls nur mit Müh und Not auf daheim verschieben können. Da hab ich dann erst ziemlich viele Klopapierblätter vollgerotzt und damit noch ein bisschen die Fensterbretter abgestaubt. Davor, da haben mich Paare nicht so interessiert. Jede Liebesgeschichte ist mir vorgekommen wie irgendwas mit Alien, also eh nicht wahr. Hab ich gar nicht erst hingeschaut. Sind jetzt zwei bei REWE an der Kasse hinter mir gestanden und waren nicht mal sonderlich in love, hat mich das schon fertig gemacht. Bei jedem Bussi das ich gesehen hab, hab ich fast weinen müssen. Alles voller trigger und nirgends irgendwelche warnings. So richtig Spaß gemacht hat das zwar nicht, mit dem Weinen, aber was willst du machen, gegen den Lauf der Dinge. Alles war so dringend, ich hab alles unbedingt müssen, ich wollte was haben, ich wollte was finden. Um was finden zu können hab ich hab suchen müssen, unbedingt. Ich hab mich nicht mehr stillhalten können, mehr raus, mehr essen, mehr reden. Ich hab gemeint, ich müsst mich optimieren. Dünner, brauner, generell nicht so beeindruckt. Nicht so nett. Launisch. Oder locker. Nicht ich. Wenn ich nur besser wär, anders, innen und außen, dann würd es doch hinhauen, so reich ich offenbar nicht. Ich mir selber aber auch nicht. Also Gartensaison ist auf jeden Fall nicht gewesen. Ich hab den schon gegossen und den Rasen gemäht und das Gras da ausgerissen wo ich nicht will dass es wachst. Aber sonst war mir der egal. Eine dumme Nuss ist so ein Garten und ein Trost, egal was los ist, irgendwann blüht immer der Holler und riecht so schwül, in your face. Alles voller Blütenstaub, bis der Regen kommt und es wieder wegwascht.

Ich hab jedanfalls zum Essen gehen müssen, überall hin. Ich hab keine Zeit dafür gehabt, dass mir deswegen schlecht wird vor Aufregung und ich aufs Klo laufen muss, unbedingt Essen gehen. Ich hab keine Zeit dafür gehabt nervös zu werden, ich hab auf einem Schiff fahren müssen, drei Stunden, mit zwei Dixieklos und drei Punkbands. Ich hab Vomex und Immodium dabei gehabt und es nicht gebraucht. Einer hat mich gefragt ob ich wirklich so bin wie ich ausschau, oder ob ich mich verkleidet hab. Ich hab das punkigste angehabt, was ich im Kleiderschrank hab finden können, so ein Hemd mit aufgedruckten Uniformkordeln, das hab ich mal bei TK Maxx gefunden.

Ich hab im Biergarten bis auf die Unterhose verschwitzt Pommes nach dem Ralleyfahren essen müssen und Tagliatelle mit Spargel und Tapas mit Kräuteraioli in der Bodega Bar und danach aufs Konzert gehen und mit Erdbeeren und Melone und Basilikumblüten im Radlkorb in die Stadt fahren, auf dem Balkon sitzen und Hauswein trinken, viel Hauswein trinken. Ah, ja, da hab ich tatsächlich auch was getrunken. Ein anderes mal auch, eine ganze Weißweinschorle, null-komma-vier Liter. Die hätt ich lieber nicht trinken sollen, sondern jemandem drüber schütten, das wär toll gewesen, ich hab es leider verpasst. Schade. In Stieferln auf Ausstellungen gehen, in Stieferln durch die ganze Stadt gehen und in Birkenstock auch, mit einem Radler. Die Stieferl mit den Absätzen waren neu, also nicht ganz neu, weil von Ebay, da hab ich einen Haufen alerts. Die engen Hosen waren auch neu und die engen Kleider. Die Jahre davor waren eher Kutten dran, jetzt nicht mehr. Ich hab ja jetzt anders werden müssen. Ich hab sogar das mit den schicken Unterhosen probiert, aber das hat niemanden interessiert. Jetzt hab ich wieder die großen kochbaren Weißen an. Ich bin denen schon lange treu. Auch der Futura-Schrift, ich hab mich da einmal dafür entschieden, seitdem ist mein Leben einfacher. Obwohl meine Freunde mich deswegen schimpfen, ich bin politisch nicht korrekt.



Manchmal hab ich mehr Rücken, dann wieder mehr Magen, ich krieg eine neue Medizin. Ich krieg eine neue Diät, ich werd ganz dünn davon und vom Liebeskummer. Ich mag nichts mehr essen und wenn dann nur Tortellini und die sind eher nicht diätkonform. Ich ess sie trotzdem, ich werd wieder nicht mehr so dünn. Jemand sticht mir Neuraltherapienadeln in den Bauch, irgendwann hör ich wieder auf damit, ich sitz deswegen immer viel zu lang im Wartezimmer, mit den Methadonabholern, und einen Unterschied merk ich auch nicht. Nichts ist eigentlich nie. Irgendwas ist immer. Manche glauben, ich wär Experte, sie fragen mich, wie man das aushält, wenn einem was weh tut, wenn man alleine ist. Ich kann das nicht beantworten. Es kommt auf die Saison an. Manchmal ist es nicht so wichtig, dass einem was weh tut, oder dass man alleine ist. Manchmal hat man nicht so viel Zeit dafür. Und manchmal ist es Alles und sonst nichts. Und auf die Gewöhnung, auf die kommt es auch an.



Ich hab sehr viel ins Telefon geweint letztes Jahr, ich hab dem Leben auf einmal nicht mehr verzeihen können. Ich bin sehr enttäuscht gewesen davon, dass alles nur Zufall ist und man am Schluss keine Belohnung kriegt, wenn man nur lang genug aushält. Ich wollt mich an nichts mehr gewöhnen müssen. Die Anpassungsstörung nicht mehr therapieren, das Leben kann auch mal an sich arbeiten, das macht doch auch was es will. Ich war so sauer. Ich hab mich nicht mehr mit den kleinen Freuden des Lebens begnügen können. Die kleinen Freuden haben mich echt am Arsch lecken können. Du hast es doch sonst so gut, im Vergleich. Is mir bewusst, aber ich will es besser haben, besser. Lecker für mich selber kochen, was Nettes anziehen, Kerze an. Ach, hör mir doch auf. Ich hab nicht mehr warten können, auf vielleicht einmal, irgendwann. Ich hab alles wollen, jetzt. ICH, weil für die anderen freuen können hab ich mich auch nicht, ICH wollt auch mal dran sein. Glück für sie ist kein Glück für mich. Da haben einige einiges aushalten müssen, mit mir am Telefon. Jetzt lieg ich im Bett und geb munter Ratschläge. Elsa fragt sich ob ihr Beitrag gut genug war, für eine Sache bei der es um nichts geht und man auch nichts kriegt. Ich meine, "Elsa, scheiß doch mal die Wand an. Du bist zu verkrampft." Es scheint sehr hilfreich zu sein.



Ich schneid mit der E-Sense die Rasenkanten, die E-Sense ist mein Lieblingsgerät. Mit der E-Sense und den geschnittenen Rasenkanten machen die Beete aus denen überall was raushängt viel mehr Sinn. Es liegt am Kontrast. Ich geh zum Hautarzt, es reicht schon wenn mir die Haare so wegstehen, Erwachsenenakne dazu ist zuviel. Die Cremes helfen nicht so recht.






Ich kann mir nicht alles verzeihen, aber bereuen tu ich nichts. Keine verschwendete Zeit. Vorher war es einfach noch nicht so weit. Immer anders. Ich lass die Blätter fallen, mir wachsen neue. Ich sitze in der Sonne und ich bleib da auch sitzen, bis sie geht. Ich habe Saison.














Vielen Dank an Ricarda und Florian - und Soundguy.



Keine Kommentare:

Kommentar posten